„Krankhaftes Übergewicht braucht eine professionelle Behandlung“
04.03.2026Adipositas betrifft immer mehr Menschen. Zum Welt-Adipositastag am 4. März weist der Leiter des Adipositas-Zentrums am Klinikum Leverkusen auf gesundheitliche Risiken hin, die mit der Erkrankung einhergehen – und auf moderne Therapieoptionen, die nach Einschätzung des Experten bislang zu wenigen Betroffenen zugutekommen.
„Wer zu dick ist, lässt sich einfach nur zu sehr gehen.“ Vorurteile wie diese sind schnell in den Raum gestellt. Sie sind jedoch nicht nur falsch, sondern für Betroffene auch äußerst belastend. Denn starkes Übergewicht bzw. Adipositas ist in den meisten Fällen keine reine Frage von Disziplin oder Lebensstil. „Vielmehr ist es eine ernste Erkrankung, bei der viele Faktoren zusammenspielen“, weiß Dr. Christian Lück, Oberarzt am Klinikum Leverkusen. „Und diese werden teilweise auch vererbt.“
Adipositas kann die Lebenserwartung stark beeinträchtigen
Wissenschaftlich sei lange belegt, dass Adipositas eine komplexe, chronische Erkrankung ist, die erhebliche gesundheitliche Folgen haben kann. „Extremes Übergewicht führt schnell zu weiteren Erkrankungen wie Diabetes, Fettleber und Depressionen, aber auch zu Schlaganfällen, Herzinfarkten und einem erhöhten Krebsrisiko“, so der Facharzt. „Die Erkrankung kann sich also auf alle Körperorgane auswirken und so nicht nur die Lebensqualität, sondern auch die Lebenserwartung stark beeinträchtigen.“
Je nach Schwere der Erkrankung reicht die Basistherapie mit Lebensstilveränderungen inklusive Ernährungsumstellung und mehr Bewegung nicht aus, sagt Lück. „Die Behandlung muss bei Betroffenem mit einem hohen BMI in der Regel um Medikamente oder eine Operation ergänzt werden.“ Die verschiedenen Behandlungsbausteine werden von unterschiedlichen Berufs-gruppen und Fachrichtungen durchgeführt. „Krankhaftes Übergewicht braucht in jedem Fall eine professionelle Begleitung“, stellt der Experte klar. „Denn nur so kann verlässlich die korrekte Therapie ausgewählt werden.“
Ein Viertel der Bevölkerung betroffen
Seit September leitet Lück das zertifizierte Adipositas-Zentrum am Leverkusener Klinikum, das Teil der hiesigen Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie unter der Leitung von Prof. Dr. Nico Schäfer ist. Menschen mit chronischen Gewichtsproblemen finden hier seit vielen Jahren eine Anlaufstelle, in der sie kompetente und umfassende Unterstützung erhalten. Und in der sie ernstgenommen werden – denn dies ist auch im medizinischen Umfeld nicht immer eine Selbstverständlichkeit, wie Christian Lück sagt: „Adipositas wird nicht nur gesellschaftlich stigmatisiert, sondern viel zu häufig leider auch von Ärztinnen und Ärzten.“ Dies könne man auch daran erkennen, dass Adipositas erst im Jahr 2020 vom deutschen Gesundheitswesen als Erkrankung offiziell anerkannt wurde. „Und noch immer erhalten viele Betroffene heute noch keine leitliniengerechte Therapie“, kritisiert der Kliniker.
Der Experte unterstreicht die Relevanz einer fachgerechten Versorgung. Schließlich ist etwa die Hälfte der in Deutschland lebenden Menschen übergewichtig – mit einem Body-Mass-Index (BMI) von über 25 kg/m². Etwa ein Viertel leidet an Adipositas (BMI > 30 kg/m²) – Tendenz deutlich steigend. „Und das trotz Prävention!“, mahnt Lück, der in der Erkrankung „eine der zentralen gesundheitspolitischen und sozioökonomischen Herausforderungen des aktuellen Jahrhunderts“ sieht. Neben der wichtigen Vorbeugung müsse zwingend die Therapie gestärkt werden.
Operationen in zertifizierten Zentren sind sicher und effektiv
Personen mit einem BMI von über 40 – oder jene, die einen BMI von über 35 aufweisen und an Begleiterkrankungen leiden – gelten als besonders schwer Erkrankte. „Eine konservative Therapie greift in diesen Fällen meist nicht mehr“, weiß Christian Lück. „Am effektivsten ist hier ein operativer Eingriff, wie wir ihn in unserem Zentrum durchführen.“
Bei der Operation wird das Magenvolumen durch die Bildung eines sogenannten Schlauchmagens verkleinert. „Außerdem kann ein Magenbypass angelegt werden, bei dem ein kleiner Vormagen gebildet und ein Teil des Dünndarms so umgeleitet wird, dass die Nahrung einen verkürzten Verdauungsweg nimmt“, erklärt der erfahrene Chirurg. „So wird die Nährstoffaufnahme eingeschränkt, und das Sättigungsgefühl wird deutlich früher erreicht.“ Lück bezeichnet dies als „wichtigen Meilenstein auf dem Weg zur Gewichtsreduktion und zur Besserung der Begleiterkrankungen, der Lebensqualität und Lebenserwartung“.
Der Zentrumsleiter und sein Team operieren Adipositas-Betroffene minimalinvasiv. So sind nur kleine Hautschnitte erforderlich; große Narben werden vermieden. Seit über einem Jahr kommt dabei auch das moderne Robotiksystem „da Vinci“ zum Einsatz. „Bis die Operation erfolgen kann, braucht es aber eine sorgfältige Vorbereitung“, sagt Lück. Neben einer psychologischen Begutachtung und einer Bewegungstherapie gehört hierzu insbesondere die individuelle Analyse und Umstellung der Ernährung. Dies ist ein Schritt, der – über das Adipositas-Zentrum organisiert – eng von spezialisierten Ernährungsfachleuten begleitet wird. „Nicht zuletzt aufgrund der strukturierten Vorbereitung sind Operationen in zertifizierten Zentren wie unserem sicher und effektiv“, betont Lück.
Lebensverändernde Erfolge bei Patientinnen und Patienten
Yasin Sultan hat im Leverkusener Adipositas-Zentrum einen Schlauchmagen erhalten. Der operative Eingriff im Mai 2023 markierte für den heute 30-Jährigen einen wichtigen Wendepunkt. Denn durch die daraus resultierende Gewichtsabnahme von 110 auf 84 Kilogramm erhielt der junge Mann, der aufgrund einer fehlenden Niere Dialysepatient ist, endlich den langersehnten Platz auf der Transplantationsliste. „Die Operation war für mich ein voller Erfolg“, sagt der Leverkusener. „Mir geht es heute körperlich und seelisch deutlich besser. Ich habe mehr Energie und bin allgemein glücklicher.“
Fast 60 Kilogramm verlor Susanne Serafinowsky mit der Unterstützung des Adipositas-Fachteams. Auch die 59-Jährige, die vor ihrer Operation im Jahr 2021 noch 127 Kilogramm wog und heute mit 70 Kilogramm lebt, berichtet von einer lebensverändernden Behandlung. „Mir ging es damals sowohl körperlich als auch psychisch alles andere als gut: Schlechter Schlaf, chronische Gelenkschmerzen, kaum Kondition und Verdauungsstörungen prägten meinen Alltag.“ Hinzu kamen ein niedriges Selbstwertgefühl, Unsicherheit und Ängste. „Es war ein Teufelskreis, weil dies zu einer zunehmenden psychischen Belastung und einem immer ungesünderen Essverhalten führte.“ Heute ist die Leverkusenerin nach eigener Aussage zufriedener und glücklicher. „Es ist eine immense Erleichterung, dass das Thema Essen und negative Emotionen nicht mehr meine Gedankenwelt dominieren“, schildert sie. Stattdessen genieße sie die neu erlangte körperliche Fitness, besseren Schlaf, deutlich mehr soziale Kontakte, ein höheres Selbstbewusstsein und „einfach normal leben zu können“. Und Susanne Serafinowsky betont: „Rückblickend war der lange Weg dank der Hilfe durch die Expertinnen und Experten gar nicht so steinig wie anfangs vermutet.“
„Bereuen oftmals, nicht früher zu uns gekommen zu sein“
Für Christian Lück sind derartige Erfahrungsberichte typische Beispiele für den nachhaltigen Erfolg einer strukturierten Therapie. „Nahezu alle Patientinnen und Patienten sind am Ende glücklich mit der Entscheidung, unsere Unterstützung in Anspruch zu nehmen und bereuen oftmals, nicht früher zu uns gekommen zu sein“, sagt der Mediziner. Mit gezielter Aufklärungsarbeit will er dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und Betroffene frühzeitig zu ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen – nicht nur am Welt-Adipositastag.
Adipositas-Zentrum am Klinikum Leverkusen
Das Zentrum für Metabolische Adipositas-Chirurgie (ZMAC) ist eine spezialisierte Anlaufstelle für Menschen mit starkem Übergewicht – ab einem BMI von 35 kg/m2. Eine Zertifizierung durch die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) bestätigt hohe Qualitätsstandards in Diagnostik und Therapie. Betroffene erhalten eine Erstberatung in der Adipositas-Sprechstunde. Mehr Infos und Terminvereinbarung
Offenes Webinar
Am 17.03. von 17 – 19 Uhr haben Interessierte die Möglichkeit, bei einem interaktiven Online-Seminar das ganzheitliche Konzept der Adipositas-Therapie kennenzulernen. Nicht nur Dr. Christian Lück und sein Team werden sich dabei vorstellen; auch werden Vertreterinnen und Vertreter der Selbsthilfegruppe sowie des lokalen Netzwerks Adipositas Einblicke in ihre Arbeit bieten. Patientinnen und Patienten schildern darüber hinaus Ihre persönlichen Leidensgeschichten und beantworten Fragen der Teilnehmenden. Die Teilnahme ist kostenlos – und möglich über unseren Veranstaltungskalender.
